Zum Inhalt springen
Einstieg und Ausbildung

Kaufmann und Kauffrau für Dialogmarketing: die unterschätzte Ausbildung

Die dritte duale Ausbildung dieses Feldes hat den schlechtesten Ruf und die besten Übernahmechancen. Was sie umfasst, warum sie mehr ist als Telefonarbeit, wo ausgebildet wird und wohin sie führt.

8 Min. Lesezeit von Steven Schulz

Von den drei dualen Ausbildungen, die in dieses Feld führen, hat diese den schwierigsten Ruf: Wer „Dialogmarketing" hört, denkt an ein Großraumbüro mit Kopfhörern. Das ist nicht falsch, aber es ist eine Momentaufnahme aus dem ersten Ausbildungsjahr, und sie beschreibt den Beruf so treffend wie „Formulare ausfüllen" die Arbeit einer Verwaltungsfachkraft. Kaufmann und Kauffrau für Dialogmarketing ist ein anerkannter Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz, dual, drei Jahre, mit Abschlussprüfung vor einer Industrie- und Handelskammer – und die Inhalte reichen weit über das Telefonieren hinaus. Dieser Text beschreibt, was tatsächlich gelernt wird und wohin der Abschluss führt.

Was Dialogmarketing ist

Dialogmarketing ist die unmittelbare, messbare Ansprache einzelner Empfänger – im Unterschied zur Streuwerbung, die sich an ein unbestimmtes Publikum richtet. Dazu gehören Newsletter und E-Mail-Kampagnen, Briefsendungen, Telefonkontakt in beide Richtungen, Messenger- und Chatkanäle, Kundenrückgewinnung, Kampagnen an Bestandskunden und die Betreuung der Kundendaten, auf denen all das beruht.

Der entscheidende Unterschied zu anderen Disziplinen dieses Felds ist die Messbarkeit. Im Dialogmarketing lässt sich jede einzelne Maßnahme einer Reaktion zuordnen: Wer hat geöffnet, wer hat geklickt, wer hat gekauft, was hat der Kontakt gekostet. Das macht die Arbeit nüchterner als die Markenarbeit und näher am Umsatz – und es ist der Grund, aus dem Menschen aus diesem Bereich häufig in Positionen mit Ergebnisverantwortung wechseln.

Was in der Ausbildung gelernt wird

Der Schwerpunkt liegt auf der Planung, Durchführung und Auswertung von Dialogmarketingmaßnahmen. Verbreitete Inhalte sind die Analyse von Kundendaten und die Bildung von Zielgruppen, die Planung von Kampagnen über mehrere Kanäle, die Gestaltung von Ansprachen und Angeboten, die Durchführung und Steuerung von Projekten, die Auswertung mit Kennzahlen – Rücklauf, Kosten je Kontakt, Kosten je Abschluss – sowie die kaufmännische Seite: Kalkulation, Angebote, Dienstleistersteuerung.

Dazu kommt ein Teil, der in keiner anderen Ausbildung dieses Feldes so ausgeprägt ist: die rechtlichen Grundlagen der Ansprache. Wer im Dialogmarketing arbeitet, muss wissen, wann eine Einwilligung nötig ist, wie sie aussehen muss, was die Bestandskundenausnahme verlangt und wie ein Widerspruch zu behandeln ist. Die Grundzüge stehen unter DSGVO und Einwilligung im Dialogmarketing – im Beruf ist das tägliche Arbeit und keine Randfrage.

Die Ausbildungsordnung sieht zudem Wahlqualifikationen vor, über die der Betrieb Schwerpunkte setzt. Welche das sind, steht im Ausbildungsvertrag; lesen Sie die Ordnung vor der Unterschrift, sie ist öffentlich zugänglich.

Die Abgrenzung zur Servicefachkraft

Neben dem dreijährigen kaufmännischen Beruf gibt es die zweijährige Ausbildung zur Servicefachkraft für Dialogmarketing. Sie ist stärker auf die Gesprächsführung und die Bearbeitung von Anliegen ausgerichtet und schließt ebenfalls vor der Kammer ab.

Der Unterschied ist erheblich und sollte vor der Bewerbung klar sein: Die Servicefachkraft führt Dialoge, der Kaufmann plant und steuert sie. Wer die zweijährige Ausbildung abgeschlossen hat, kann in aller Regel im dritten Jahr die kaufmännische Ausbildung anschließen – dieser Weg ist verbreitet und eine gute Möglichkeit für alle, die sich den Einstieg zunächst nicht zutrauen.

Wo ausgebildet wird

Der Kreis ist breiter, als der Berufsname vermuten lässt: Dialogmarketingagenturen und Dienstleister, Versandhandel und Onlinehandel, Verlage, Energieversorger, Versicherungen und Banken, Telekommunikationsunternehmen, große Vereine und Hilfsorganisationen mit eigener Spenderbetreuung sowie Unternehmen mit umfangreichem Kundenbestand.

Das ist der praktische Vorteil dieser Ausbildung: Es gibt vergleichsweise viele Plätze, auch außerhalb der Ballungsräume mit Agenturdichte, und die Übernahmequoten sind in der Regel hoch, weil die Häuser laufend Bedarf haben.

Der praktische Nachteil ist ebenso real: Die Bandbreite der Ausbildungsqualität ist groß. Ein Haus, in dem Auszubildende drei Jahre lang überwiegend Gespräche annehmen, bildet formal aus und vermittelt nicht den Beruf. Fragen Sie im Bewerbungsgespräch, welche Stationen vorgesehen sind und ab wann Sie an Kampagnenplanung und Auswertung beteiligt sind.

Zugang, Dauer und Vergütung

Eine bestimmte Schulbildung ist rechtlich nicht vorgeschrieben; die Betriebe stellen überwiegend mit mittlerem Abschluss ein. Die Regelausbildungszeit beträgt drei Jahre, eine Verkürzung ist unter den Voraussetzungen des Berufsbildungsgesetzes möglich und wird von der Kammer auf Antrag entschieden.

Eine angemessene Ausbildungsvergütung ist Pflicht; für Ausbildungsverhältnisse gilt zudem die gesetzliche Mindestvergütung nach dem Berufsbildungsgesetz, die jährlich angepasst und nach Ausbildungsjahren gestaffelt ist. In tarifgebundenen Häusern gilt die tarifliche Regelung. Beträge nennt dieser Text nicht, weil sie sich jährlich ändern; die geltenden Werte veröffentlichen das Bundesinstitut für Berufsbildung und die Kammern.

Die Belastung, die dazugehört

Ehrlichkeit gehört an diese Stelle, weil sie in Werbetexten für den Beruf regelmäßig fehlt. Wer im ersten Jahr überwiegend im Kundenkontakt arbeitet, erlebt eine besondere Form der Beanspruchung: viele Gespräche hintereinander, unfreundliche Reaktionen, Vorgaben zu Gesprächsdauer und Erreichbarkeitsquoten, teilweise Schichtbetrieb.

Das ist zu bewältigen, wenn drei Dinge stimmen: Pausen werden eingehalten, es gibt eine Nachbesprechung für schwierige Gespräche, und die Zeit im Kundenkontakt nimmt im Verlauf der Ausbildung ab. Wenn eines davon fehlt, ist das ein Gesprächsanlass mit dem Ausbilder und nötigenfalls mit der Ausbildungsberatung der Kammer. Was allgemein gegen dauerhafte Belastung hilft und was der Arbeitgeber schuldet, steht unter Agenturdruck und Deadlines.

Was in der Ausbildung schwerfällt

Zwei Dinge werden von Auszubildenden regelmäßig unterschätzt, und beide lassen sich vorbereiten.

Das erste ist der Umgang mit Zahlen. Dialogmarketing ist ein rechnendes Fach: Rückläufe in Prozent, Kosten je Kontakt, Kosten je Abschluss, Deckungsbeitrag einer Kampagne. Wer Mathematik gemieden hat, trifft hier wieder darauf – allerdings in einer Form, die anschaulich ist, weil jede Zahl eine Entscheidung nach sich zieht.

Das zweite ist die Kränkung. Eine Kampagne, an der Sie drei Wochen gearbeitet haben, bringt vielleicht einen Rücklauf von zwei Prozent, und das kann ein gutes Ergebnis sein. In diesem Fach ist Ablehnung die Regel und keine Rückmeldung über Ihre Arbeit. Das zu trennen, dauert einige Monate, und es ist eine Fähigkeit, die später in jedem Marketingberuf trägt.

Nützlich ist außerdem, früh zu verstehen, warum die Zahlen zweier Systeme nie übereinstimmen – die Newsletter-Software zählt anders als das Analysewerkzeug, und beide anders als das Kundensystem. Wer das erklären kann, hat in Besprechungen einen Vorsprung.

Der Ruf, und was daran stimmt

Der Beruf hat einen schlechten Ruf, und es lohnt, genau hinzusehen, was daran zutrifft.

Was zutrifft: Ein Teil der Ausbildungsbetriebe ist in der Telefonvermarktung tätig, und dort gibt es Arbeitsbedingungen, die belasten – engmaschig getaktete Gespräche, laufende Auswertung der eigenen Kennzahlen, Vorgaben zu Gesprächsdauer und Abschlussquote, dauerhafte Kritik von Angerufenen. Das ist emotional anstrengende Arbeit, und sie wird selten gut bezahlt. Wer in einem solchen Betrieb ausgebildet wird und dort bleibt, hat einen anspruchsvollen Beruf mit begrenzter Perspektive.

Was nicht zutrifft: Der Abschluss selbst führt nicht dorthin. Er qualifiziert für die Planung und Steuerung von Kundenkommunikation, und diese Aufgabe hat heute einen anderen Namen: Sie heißt Kundenbindung, Marketing Automation oder CRM. Wer die Datenseite des Berufs ernst nimmt, arbeitet später an automatisierten Kommunikationsstrecken und an Datenbanken – siehe die Berufsseite CRM und Marketing Automation und den Bereich Digital- und Performance-Marketing.

Die praktische Folge für die Wahl des Betriebs: Fragen Sie, welcher Anteil der Ausbildung auf die Planung und Auswertung fällt und welcher auf die Gesprächsführung. Ein Betrieb, der überwiegend telefoniert, bildet für einen Ausschnitt aus.

Wohin der Abschluss führt

Drei Richtungen sind verbreitet, und die erste ist die häufigste.

Kampagnenverantwortung im eigenen Haus. Vom Kundenkontakt über die Kampagnensteuerung zur Verantwortung für Kanäle, Budgets und Ergebnisse. Wer Kosten je Abschluss steuern kann, hat in diesem Feld eine Fähigkeit, die unmittelbar in Verantwortung übersetzt wird.

Wechsel in angrenzende Disziplinen. Der Weg ins Performance-Marketing, in die Marketing-Automatisierung oder in das Kundendatenmanagement ist kurz, weil die Denkweise dieselbe ist: Ansprache, Messung, Anpassung. Die Überlegungen zum Zuschnitt stehen unter Spezialisieren oder breit bleiben.

Fortbilden oder studieren. Kaufmännische Fortbildungen der Kammern setzen auf dem Abschluss auf; mit Ausbildung und Berufserfahrung ist auch ohne Abitur ein Studium möglich. Der Vergleich steht unter Marketing studieren.

Was Sie in der Ausbildung sammeln sollten

Anders als in gestalterischen Berufen entstehen hier keine Arbeiten, die man zeigen kann – aber es entstehen Zahlen, und die sind in diesem Feld genauso viel wert.

Notieren Sie zu jeder Kampagne, an der Sie mitgearbeitet haben: Zielgruppe und ihre Größe, Kanal, Zeitraum, Kosten, Rücklauf, Ausgangswert der Vergleichsperiode und Ihren eigenen Anteil. Nach drei Jahren haben Sie damit eine Sammlung belastbarer Ergebnisse, die in jeder Bewerbung mehr wiegt als ein Zertifikat – warum, steht unter Kennzahlen im Lebenslauf.

Klären Sie dabei früh, welche Zahlen Sie außerhalb des Hauses nennen dürfen; Budgets und Rückläufe können Geschäftsgeheimnisse sein. Der Rahmen dafür steht unter Urheberrecht an eigenen Arbeiten.

Der nächste Schritt

Fragen Sie bei jedem Ausbildungsbetrieb zwei Dinge: Welche Stationen sind vorgesehen, und ab wann arbeite ich an Kampagnenplanung und Auswertung mit? Und: Wie viele der zuletzt Ausgebildeten wurden übernommen?

Sehen Sie sich parallel an, welche Häuser überhaupt in diesem Bereich suchen – die offenen Stellenangebote geben den Überblick, die Stellen im Dialogmarketing und die Ausbildungsstellen den engeren Ausschnitt. Und lesen Sie, wie eine Bewerbung in diesem Feld aufgebaut wird: Die Bewerbung in Marketing und Kommunikation.

Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen Anzeigen aus ganz Deutschland, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.

Weiterlesen

Alle Artikel

Zertifikate in Marketing und Kommunikation: was sie wert sind

Google Ads, Google Analytics, Meta Blueprint, HubSpot – all das sind Anbieterzertifikate und kein Abschluss. Was sie tatsächlich belegen, wann sie sich lohnen, wann sie schaden und welche Nachweise in diesem Feld mehr Gewicht haben.

7 Min. Lesezeit

Marketing und Kommunikation studieren: welcher Studiengang wohin führt

Es gibt kein Studium, das für dieses Feld vorgeschrieben wäre – und ein Dutzend, die hineinführen. Was Betriebswirtschaft, Kommunikationswissenschaft, Medienmanagement und die dualen Wege unterscheiden, und was ein Abschluss auf diesem Arbeitsmarkt wirklich wert ist.

7 Min. Lesezeit

Diese Seite setzt nur die Cookies, die für den Betrieb nötig sind. Kein Tracking, keine Werbenetzwerke, keine Auswertung Ihres Verhaltens. Einzelheiten stehen in der Datenschutzerklärung.