Zum Inhalt springen
Bewerbung

Die Mappe füllen, wenn noch niemand für Ihre Arbeit bezahlt hat

Ohne Arbeitsproben keine Einladung, ohne Stelle keine Arbeitsproben – die Klemme, in der jeder Einstieg beginnt. Welche Eigenprojekte tatsächlich zählen, welche nicht, und wie aus ihnen in drei Monaten eine brauchbare Mappe wird.

7 Min. Lesezeit von Steven Schulz

Der Einstieg in dieses Feld beginnt fast immer mit derselben Klemme: Ohne Arbeitsproben lädt niemand ein, und ohne Stelle entstehen keine Arbeitsproben. Sie ist auflösbar, aber nicht durch Warten und nicht durch Kurse. Sie ist auflösbar, indem Sie sich die Arbeit selbst besorgen. Dieser Text sagt, welche Arbeiten dabei tatsächlich zählen, welche nicht, und wie daraus in überschaubarer Zeit eine Mappe wird, die eine Einladung trägt.

Der Maßstab: echte Leser, echte Entscheidung, echte Messung

Bevor es um einzelne Ideen geht, der Prüfstein, an dem sich alles entscheidet. Eine Arbeit zählt als Arbeitsprobe, wenn drei Dinge zutreffen.

Sie hatte echte Empfänger – Menschen, die den Text gelesen, die Seite besucht, den Beitrag gesehen haben, ohne dass sie Ihre Freunde waren. Sie enthielt eine Entscheidung, die auch anders hätte ausfallen können, und Sie können sie begründen. Und es gibt eine Rückmeldung aus der Wirklichkeit: eine Zahl, eine Reaktion, ein Ergebnis, notfalls ein „hat nicht funktioniert, und hier ist der Grund".

Eine erfundene Kampagne für eine große Marke erfüllt keinen dieser drei Punkte. Sie wird trotzdem in unzähligen Mappen eingereicht, und sie ist der häufigste Grund, aus dem eine Mappe nicht überzeugt: Jeder sieht ihr an, dass niemand widersprochen hat.

Was tatsächlich zählt

Ein Ehrenamt mit Verantwortung. Vereine, Sportabteilungen, Feuerwehren, Tierheime, Chöre, Nachbarschaftsinitiativen: Fast alle brauchen jemanden, der die Kanäle betreut, die Website pflegt, den Newsletter schreibt und die Pressemitteilung zum Sommerfest aufsetzt. Fast keiner hat diesen Jemand. Das ist die zuverlässigste Quelle echter Arbeit, die es gibt.

Ein kleiner Betrieb in der Nachbarschaft. Ein Handwerksbetrieb, eine Praxis, ein Laden, ein Hofladen. Machen Sie ein konkretes, begrenztes Angebot: drei Monate, ein Kanal, ein klar benanntes Ziel – nicht „ich mache Ihr Marketing". Ob Sie das bezahlt oder unbezahlt tun, ist Verhandlungssache; bezahlt ist besser, weil eine Rechnung die Arbeit ernst macht. Achten Sie darauf, dass es eine Nebentätigkeit ist und Sie sie gegebenenfalls beim Arbeitgeber anzeigen.

Ein eigenes Vorhaben mit Publikum. Ein Fachblog, ein Newsletter, ein Podcast, ein Kanal zu einem Thema, von dem Sie wirklich etwas verstehen. Der entscheidende Unterschied zur Übungsaufgabe: Es läuft weiter, es hat Leser, und Sie sehen an Zahlen, was wirkt. Zwölf Monate mit drei Beiträgen im Monat sagen mehr als eine aufwendige Einzelarbeit.

Die eigene Arbeit im jetzigen Beruf. Wer heute im Kundenservice, im Vertrieb, in der Verwaltung oder in der Produktion arbeitet, hat oft Kommunikationsaufgaben, die niemand so nennt: eine Kundeninformation, eine Anleitung, ein interner Newsletter, ein Messeauftritt. Fragen Sie, ob Sie mehr davon übernehmen dürfen. Das ist der schnellste Weg zu Arbeitsproben, die im Berufsalltag entstanden sind.

Studien- und Abschlussarbeiten mit echtem Auftraggeber. Wenn die Hochschule ein Projekt mit einem Unternehmen oder einer Einrichtung vorsah, ist das eine Arbeitsprobe – dann nennen Sie den Auftraggeber und das Ergebnis. Eine reine Seminararbeit ohne Umsetzung ist keine.

Freie Arbeiten über Vermittlungsplattformen. Kleine bezahlte Aufträge sind eine Möglichkeit, aber sie sind selten gut bezahlt und häufig ohne Zusammenhang. Für zwei bis drei Belege taugen sie; als Grundlage einer Mappe nicht.

Was nicht zählt

Erfundene Kampagnen für bekannte Marken. Neugestaltungen fremder Websites ohne Auftrag, die vor allem zeigen, dass man die Vorlagen eines Gestaltungswerkzeugs bedienen kann. Zertifikatsurkunden anstelle von Arbeiten – was sie tatsächlich bedeuten, steht unter Zertifikate in Marketing und Kommunikation. Kursaufgaben, die tausend andere Teilnehmer identisch gelöst haben. Und alles, wozu Sie nicht sagen können, was Sie entschieden haben.

Der Plan für die nächsten drei Monate

Monat eins: eine Aufgabe besorgen. Sprechen Sie fünf Vereine oder kleine Betriebe an, schriftlich und konkret. Nennen Sie das Angebot, die Dauer und das Ziel in fünf Sätzen. Von fünf Anfragen führen erfahrungsgemäß ein bis zwei zu etwas. Legen Sie parallel ein eigenes Vorhaben an, damit Sie nicht von einer Zusage abhängen.

Monat zwei: arbeiten und messen. Richten Sie von Anfang an eine Messung ein – und sei es eine Tabelle mit Datum, Maßnahme und Ergebnis. Ohne Ausgangswert ist jede spätere Zahl wertlos; warum, steht unter Kennzahlen im Lebenslauf.

Monat drei: aufschreiben. Zu jeder Arbeit sechs Angaben: Auftraggeber, Aufgabe, Einschränkungen, Ihr Anteil, die Entscheidung, das Ergebnis. Danach eine schlichte Seite, auf der alles ohne Passwort erreichbar ist. Der Aufbau steht unter Portfolio aufbauen.

Nach drei Monaten haben Sie zwei bis vier echte Arbeiten. Das ist wenig und trotzdem mehr, als die meisten Mitbewerber im Einstiegsbereich vorlegen.

Wie Sie eine Anfrage formulieren, die angenommen wird

Der Grund, aus dem Anfragen an Vereine und kleine Betriebe unbeantwortet bleiben, ist selten Desinteresse. Er ist Unklarheit: Der Empfänger weiß nicht, worauf er sich einlässt, und antwortet deshalb gar nicht.

Machen Sie es ihm leicht. Nennen Sie im ersten Satz, wer Sie sind und was Sie vorhaben. Im zweiten, was Sie konkret übernehmen würden – ein Kanal, ein Newsletter, eine Seite, nicht „Ihre Kommunikation". Im dritten den Zeitraum, und zwar begrenzt: drei Monate. Im vierten, was der Empfänger dafür tun muss, und die ehrliche Antwort darauf ist meistens: Zugänge geben, einmal in der Woche zwanzig Minuten Rücksprache, Freigaben innerhalb von zwei Tagen. Im fünften, was Sie dafür möchten – Erlaubnis, die Arbeit in Ihrer Mappe zu zeigen, und eine kurze Rückmeldung am Ende.

Was Sie weglassen sollten: Analysen dessen, was der Empfänger bisher falsch gemacht hat. Sie wirken selten so, wie sie gemeint sind, und sie sind bei ehrenamtlich geführten Vereinen ein zuverlässiger Weg zu einer Absage.

Rechnen Sie mit einer Zusage auf drei bis fünf Anfragen und mit zwei Wochen Antwortzeit. Fragen Sie nach zehn Tagen einmal nach, freundlich und kurz; danach nicht mehr.

Ehrlich bleiben, ohne sich kleinzumachen

Schreiben Sie dazu, was die Arbeit war. „Ehrenamtliche Betreuung der Kanäle eines Sportvereins mit 400 Mitgliedern, seit März 2025" ist eine gute Angabe. Sie aufzublähen – „Leitung der digitalen Kommunikation" – fällt im Gespräch auf und kostet mehr, als sie einbringt.

Umgekehrt ist Kleinreden genauso schädlich. „Nur ein Verein" ist falsch: Ein Verein hat echte Mitglieder, echte Termine, echte Konflikte und Freigabewege wie ein Unternehmen, nur schneller.

Der Größenvorteil, den Sie haben

Ein Punkt, der selten gesagt wird: Wer sich seine Arbeit selbst besorgt hat, kann etwas erzählen, das Absolventen mit Praktikum nicht erzählen können. Sie haben eine Aufgabe akquiriert, abgegrenzt, durchgeführt und gemessen – ohne dass jemand sie beauftragt oder betreut hätte. Für Häuser, die eine einzelne Person für die gesamte Kommunikation suchen, und das sind viele, ist genau das der gesuchte Nachweis.

Erzählen Sie diesen Teil im Gespräch ausdrücklich. Er ist der Unterschied zwischen „hat noch keine Berufserfahrung" und „hat sich die Praxis selbst organisiert".

Wo Sie parallel hinsollten

Eine Mappe aus Eigenprojekten ist ein Türöffner, kein Ersatz für den Einstieg. Zielen Sie parallel auf die Wege, die Praxis mit Bezahlung verbinden: die Werkstudentenstelle, wenn Sie eingeschrieben sind – siehe Werkstudent als Einstieg –, das Volontariat, wenn Sie einen Abschluss ohne Fachbezug haben, oder die kleine Stelle in einem kleinen Haus, wie unter Quereinstieg in Marketing und Kommunikation beschrieben.

Was Sie bei diesen Einstiegsformen vertraglich beachten müssen, steht unter Werkstudenten- und Praktikumsvertrag, und was gezahlt wird, unter Einstiegsgehalt, Praktikum und Volontariat.

Die Rechte an dem, was Sie machen

Zwei Punkte, die Ärger ersparen. Wenn Sie für einen Verein oder einen Betrieb arbeiten, klären Sie vorher schriftlich, dass Sie die Ergebnisse in Ihrer Bewerbungsmappe zeigen dürfen. Zwei Sätze per E-Mail genügen. Und wenn Sie Bilder, Schriften oder Musik verwenden, prüfen Sie die Lizenz – eine Mappe, die selbst eine Rechtsverletzung enthält, ist in diesem Feld ein besonders unglücklicher erster Eindruck. Der Rahmen dazu steht unter Urheberrecht an eigenen Arbeiten.

Was Sie sich sparen können

Zwei Ratschläge, die in diesem Zusammenhang häufig kursieren, taugen nichts. Der erste lautet, man solle sich erst ein Zertifikat zulegen und danach bewerben – das dreht die Reihenfolge um, denn geprüft wird die Arbeit und nicht der Nachweis über den Kurs. Der zweite lautet, man solle möglichst viele Praktika stapeln; drei unbezahlte Praktika hintereinander sind kein Nachweis von Können, sondern von Verfügbarkeit, und sie schaden im Lebenslauf eher, als sie nützen.

Der erste Schritt heute

Schreiben Sie drei Namen auf: einen Verein, einen kleinen Betrieb, ein eigenes Thema. Schicken Sie bis morgen zwei Anfragen los. Und sehen Sie sich an, welche Einstiegsstellen es überhaupt gibt – die offenen Stellenangebote zeigen die Lage, die Stellen für Werkstudenten und die Einstiegsstellen den Ausschnitt, auf den Sie zuarbeiten.

Wenden Sie das direkt an: Im Stellenmarkt stehen Anzeigen aus ganz Deutschland, und zu jedem Beruf finden Sie die Aufgaben und die üblichen Gehälter daneben.

Weiterlesen

Alle Artikel

Die Stellenanzeige entschlüsseln

In einem Feld ohne Berufsordnung sagen Stellentitel wenig und Formulierungen viel. Was hinter den üblichen Wendungen steht, welche Angaben fehlen dürfen und welche nicht, und wie Sie eine Anzeige in zehn Minuten prüfen.

8 Min. Lesezeit

Das Anschreiben im Marketing: was wirklich gelesen wird

In einem Feld, das vom Schreiben lebt, ist das Anschreiben selbst eine Arbeitsprobe – und die meisten verschenken sie. Wie ein Text aussieht, der gelesen wird, was in den ersten drei Sätzen stehen muss und welche Formulierungen sofort gegen Sie arbeiten.

7 Min. Lesezeit

Diese Seite setzt nur die Cookies, die für den Betrieb nötig sind. Kein Tracking, keine Werbenetzwerke, keine Auswertung Ihres Verhaltens. Einzelheiten stehen in der Datenschutzerklärung.